WER HAT RECHT ?

Seit es Menschen gibt, entstehen Religionen und vergehen mit der Zeit auch wieder. Sie hinterlassen Tempel, Bücher, Gebote, Feiertage, Speisevorschriften und gelegentlich auch sehr entschlossene Meinungen darüber, wer im Besitz der Wahrheit ist.

Die wichtigsten vergangenen oder weitgehend untergegangenen Religionen, die deutliche Spuren hinterlassen haben:

Ägyptische Religion
Götter wie Osiris, Isis, Horus, Re, Anubis. Spuren: Pyramiden, Tempel, Totenkult, Mumifizierung, Jenseitsvorstellungen, Symbolik des Auges des Horus, spätere Einflüsse auf Mysterienkulte und Esoterik.

Mesopotamische Religion
Sumerer, Babylonier, Assyrer; Götter wie Anu, Enlil, Ishtar, Marduk. Spuren: Schöpfungsmythen, Sintflut-Erzählungen, Tempelstädte, Astrologie, Dämonenvorstellungen, Einflüsse auf biblische Texte.

Griechische Religion
Zeus, Hera, Athena, Apollon, Dionysos, Aphrodite. Spuren: Mythologie, Philosophie, Theater, Kunst, Architektur, Begriffe wie „Olymp“, Tragödie, Orakel, Heldenmythen.

Römische Religion
Jupiter, Mars, Venus, Janus, Vesta; später stark mit griechischen Göttern verschmolzen. Spuren: Kalender, Monatsnamen, Staatskult, Kaiserkult, Tempelarchitektur, Rechtssymbolik, politische Rituale.

Nordische / germanische Religion
Odin, Thor, Freyja, Loki, Tyr. Spuren: Wochentage, Sagenwelt, Edda, Runen, Walküren, Ragnarök, moderne Fantasy-Literatur, nationale Mythologien.

Keltische Religion
Druiden, Naturheiligtümer, Götter wie Lug, Brigid, Cernunnos. Spuren: Sagen um Feen, Anderswelt, heilige Quellen, Jahresfeste, Samhain/Halloween-Traditionen, Artus-Stoffe in späterer Verarbeitung.

Zoroastrismus
Nicht völlig verschwunden, aber stark zurückgedrängt. Ahura Mazda gegen Angra Mainyu, Kampf von Gut und Böse. Spuren: starke Einflüsse auf Judentum, Christentum und Islam bei Vorstellungen von Engeln, Dämonen, Endgericht, Himmel, Hölle und Erlösung.

Mithraismus
Römischer Mysterienkult um Mithras, besonders bei Soldaten beliebt. Spuren: Mithräen, Stieropfer-Symbolik, Initiationsgrade, Konkurrenz und Parallelen zum frühen Christentum im Römischen Reich.

Manichäismus
Religionssystem des Mani, stark dualistisch: Licht gegen Finsternis. Spuren: Begriff „manichäisch“ für radikales Schwarz-Weiß-Denken; Einfluss auf spätantike und mittelalterliche Häresien.

Altiranische / indoarische vedische Religion
Frühe Opferreligion mit Göttern wie Indra, Agni, Varuna. Nicht einfach verschwunden, sondern in den Hinduismus übergegangen. Spuren: Veden, Opferformeln, Sanskrit, Kastendenken, viele hinduistische Grundstrukturen.

Kanaanitische / phönizische Religion
Baal, El, Aschera, Astarte, Moloch. Spuren: starke Reibungsfläche in der Hebräischen Bibel; Einfluss auf frühe israelitische Religion, Ortsnamen, archäologische Kulte.

Etruskische Religion
Vor-römische Religion Italiens mit ausgeprägter Zeichendeutung. Spuren: römische Auguren, Vogelschau, Leberdeutung, Begräbniskunst, religiöse Amtstraditionen Roms.

Aztekische Religion
Huitzilopochtli, Quetzalcoatl, Tlaloc. Spuren: Tempelruinen, Kalender, Opferkult, mexikanische Symbolik, Quetzalcoatl-Mythos, archäologische Monumente.

Maya-Religion
Götter, Kalender, Kosmologie, Ahnen- und Himmelskult. Spuren: Pyramiden, Schrift, Kalender, Astronomie, Popol Vuh, indigene Mischformen bis heute.

Inka-Religion
Sonnengott Inti, Ahnenkult, Herrschervergöttlichung. Spuren: Machu Picchu, Sonnenkult, Andenrituale, Quechua-Traditionen, synkretistische Volksreligion.

Die folgenreichsten für Europa und den Nahen Osten sind ägyptische, mesopotamische, griechische, römische, germanische, keltische, zoroastrische, kanaanitische und mithraische Religion. Für Amerika sind Maya-, Azteken- und Inka-Religion die wichtigsten untergegangenen Hochkultur-Religionen.

Juden, Christen und Muslime berufen sich auf den einen Gott, sind sich aber nicht einig darüber, was er eigentlich will, in jedem Fall spricht dieser Gott nicht mit jedem, die letzten Konversationen zwischen Propheten und dem Schöpfer des Himmels und der Erde liegen bereits einige Jahrhunderte zurück.

Direkte Gespräche zwischen Mensch und Gott nach jüdischer, christlicher und islamischer Überlieferung:

Adam und Eva
Gott spricht im Garten Eden mit Adam und Eva, fragt nach dem Verstoß gegen das Verbot und spricht die Folgen aus.
Quelle: Genesis 3

Kain
Gott spricht mit Kain vor und nach dem Mord an Abel: „Wo ist dein Bruder Abel?“
Quelle: Genesis 4

Noah
Gott kündigt Noah die Sintflut an, gibt ihm den Auftrag zum Bau der Arche und schließt nach der Flut einen Bund mit ihm.
Quelle: Genesis 6–9

Abraham
Gott spricht mehrfach mit Abraham: Berufung, Verheißung von Nachkommen und Land, Bundesschluss, Ankündigung Isaaks, Prüfung durch die Opferung Isaaks.
Quelle: Genesis 12, 15, 17, 18, 22

Sara
Gott beziehungsweise göttliche Boten kündigen Sara die Geburt Isaaks an; Sara lacht über die Ankündigung.
Quelle: Genesis 18

Hagar
Gott beziehungsweise ein Engel Gottes spricht mit Hagar in der Wüste und verheißt Ismael Nachkommenschaft.
Quelle: Genesis 16 und 21

Jakob
Gott spricht mit Jakob im Traum von der Himmelsleiter und später bei weiteren Offenbarungen.
Quelle: Genesis 28, 35

Mose Der zentrale Fall direkter Gott-Mensch-Kommunikation. Gott spricht mit Mose aus dem brennenden Dornbusch, am Sinai, in der Stiftshütte und während der Wüstenwanderung. Mose erhält die Zehn Gebote und das Gesetz.
Quelle: Exodus 3, 19–34; Numeri; Deuteronomium

Aaron und Mirjam
Gott spricht zu Aaron und Mirjam und weist sie wegen ihrer Kritik an Mose zurecht.
Quelle: Numeri 12

Josua
Gott spricht mit Josua nach Moses Tod und gibt ihm den Auftrag, Israel ins verheißene Land zu führen.
Quelle: Josua 1

Samuel
Gott ruft den jungen Samuel in der Nacht und offenbart ihm Gericht über das Haus Elis.
Quelle: 1 Samuel 3

David Gott spricht nicht meist direkt, sondern häufig durch den Propheten Nathan. Die Kommunikation ist daher oft vermittelt, aber theologisch als göttliche Rede verstanden.
Quelle: 2 Samuel 7, 12

Salomo
Gott erscheint Salomo im Traum und fragt ihn, was er sich wünsche. Salomo bittet um Weisheit.
Quelle: 1 Könige 3

Elija
Gott begegnet Elija am Horeb nicht im Sturm, Erdbeben oder Feuer, sondern in einer leisen Stimme.
Quelle: 1 Könige 19

Jesaja
Jesaja erlebt eine Tempelvision, hört Gott fragen: „Wen soll ich senden?“ und antwortet: „Hier bin ich, sende mich.“
Quelle: Jesaja 6

Jeremia
Gott beruft Jeremia direkt zum Propheten; Jeremia widerspricht zunächst wegen seiner Jugend.
Quelle: Jeremia 1

Ezechiel
Gott spricht in Visionen mit Ezechiel und beauftragt ihn als Propheten.
Quelle: Ezechiel 1–3

Hiob
Gott antwortet Hiob aus dem Sturm. Kein gemütliches Gespräch, sondern eine machtvolle Gegenrede über Schöpfung, Erkenntnis und menschliche Begrenztheit.
Quelle: Hiob 38–42

Jona
Gott spricht mit Jona, beauftragt ihn zur Predigt in Ninive und diskutiert später mit ihm über Gnade, Zorn und Mitleid.
Quelle: Jona 1–4

Maria
Im Christentum spricht nicht Gott Vater direkt mit Maria, sondern der Engel Gabriel überbringt Gottes Botschaft. Streng genommen also keine direkte Gott-Mensch-Konversation, sondern eine vermittelte Offenbarung.
Quelle: Lukas 1

Jesus
Im Neuen Testament spricht Gott bei der Taufe Jesu und bei der Verklärung: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Jesus selbst betet mehrfach zu Gott, besonders in Gethsemane und am Kreuz.
Quelle: Matthäus 3, 17, 26, 27; Markus 9; Lukas 22

Paulus
Paulus erlebt vor Damaskus eine Stimme des auferstandenen Christus: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Im christlichen Verständnis ist das eine direkte Begegnung mit Christus als göttlicher Person.
Quelle: Apostelgeschichte 9

Johannes der Seher
Die Offenbarung des Johannes besteht aus Visionen und göttlichen beziehungsweise christologischen Botschaften.
Quelle: Offenbarung 1–22

Mohammed
Im Islam erhält Mohammed die Offenbarung des Korans durch den Engel Gabriel. Streng genommen spricht Allah im klassischen islamischen Verständnis nicht direkt wie in einem gewöhnlichen Dialog mit Mohammed, sondern offenbart durch Gabriel. Die Nachtreise und Himmelfahrt gelten allerdings als besondere Gottesnähe.
Quelle: Koranische Offenbarung; islamische Hadith- und Sira-Tradition

Mose im Islam
Musa/Mose hat im Islam eine Sonderstellung als „Kalīm Allāh“, also als jener, mit dem Gott gesprochen hat. Das ist einer der deutlichsten Fälle direkter Gott-Mensch-Kommunikation im Islam.
Quelle: Koran, besonders Sure 4:164 und 7:143

Die dichteste Reihe direkter Gespräche mit Gott findet sich in der Hebräischen Bibel beziehungsweise im Alten Testament. Im Christentum verschiebt sich die direkte Gottesrede stark auf Jesus Christus als göttliche Offenbarung. Im Islam ist die Offenbarung an Mohammed zentral, aber meist durch Gabriel vermittelt; als ausdrücklich direkter Gesprächspartner Gottes gilt vor allem Mose.

Seit ungefähr 2000 Jahren, als Jesus Christus sich mit den Menschen unterhielt, der bei den Christen als Sohn Gottes, aber gleichzeitig auch als Gott selbst (Teil der Dreifaltigkeit) gilt, hat also niemand mehr das Privileg genossen, direkt mit dem Schöpfer plaudern zu dürfen. Dieses Schweigen von göttlicher Seite wird von den Gläubigen nicht als tragisch empfunden, schon gar nicht als Gegenbeweis für die Existenz Gottes, vielmehr werden göttliche Botschaften in Zeichen und Wundern gesehen, oder auch Katastrophen, als Strafe oder Mahnung für ungebührliches Verhalten der Gläubigen - Menschen sind eben kreativ, was Ihre Religionen betrifft.

Im Hinduismus dagegen gibt es zahllose Götter, klassisch spricht man aber eher von 33 Hauptgottheiten bzw. göttlichen Kräften, besonders in vedischen Zusammenhängen.
Brahma als Schöpfer, Vishnu als Erhalter, Shiva als Zerstörer und Erneuerer, dazu die große Göttin Devi in Gestalten wie Parvati, Durga, Kali, Lakshmi und Sarasvati. Ganesha beseitigt Hindernisse, Krishna und Rama gelten als Avatare Vishnus, Hanuman steht für Treue und Hingabe. Viele Hindus verehren eine bestimmte Gottheit als höchste Erscheinung des Göttlichen, ohne damit zwangsläufig die anderen zu verneinen. Hinter der Vielfalt steht in vielen hinduistischen Schulen die Vorstellung einer letzten Wirklichkeit, Brahman, aus der alle göttlichen Formen hervorgehen.

Hört sich nach einer Menge an, wenn man aber die 3 Personen, die in der "Dreifaltigkeit" als Gott verehrt werden, plus die Gottesmutter Maria, als Einzelpersonen zählt und die vielen Schutzheiligen dazurechnet, kommen die Christen auch auf eine große Zahl von höheren Wesen (mehrere Tausend), die sie anbeten und um Gefälligkeiten bitten können, hier nur ein paar davon:

Antonius von Padua: verlorene Dinge
Christophorus: Reisende
Florian: Feuerwehr, Schutz vor Feuer
Cäcilia: Musik
Lukas: Ärzte, Maler
Barbara: Bergleute, Artillerie
Sebastian: Soldaten, Pestkranke
Josef: Arbeiter, Familien, Sterbende

Es ist also für alle was dabei.

Immerhin ein Viertel der Weltbevölkerung kommt ohne Religion aus, offenbar schaffen es viele Menschen, morgens aufzustehen, Rechnungen zu bezahlen, Kinder großzuziehen und moralische Entscheidungen zu treffen, ohne vorher himmlische Instanzen um Erlaubnis oder Anleitung bitten zu müssen.

Religion ist also nicht die einzige Form, in der die Menschen Sinn, Ordnung, Trost und Gemeinschaft finden.

Jede Religion erzählt eine große Geschichte: Woher kommen wir? Warum leiden wir? Was ist gut? Was geschieht nach dem Tod? Das Problem ist, dass alle diese Geschichten aus vorindustriellen Zeiten stammen. Die Wissenschaft hat alle Erzählungen und Deutungen der "heiligen Schriften" als überholt und als das entlarvt, was sie sind: das Werk von Menschen, die sich auf eine höhere Macht berufen.

Vielleicht lautet die ehrlichste Antwort auf „Wer hat recht?“ daher am ehesten:

Keiner derer, die von sich behaupten, als einzige über die Wahrheit zu verfügen.

Wenn nun, und das ist nicht auszuschließen, ein höheres Wesen existiert, dürfte es über unsere Zuständigkeiten, Abgrenzungen und Exklusivansprüche vermutlich milde erstaunt, vielleicht sogar amüsiert sein.