ORANGE
Orange hat nichts mit Orang-Utan zu tun
Es gibt Wörter, die aussehen, als gehörten sie zusammen, obwohl sie in Wahrheit aus völlig verschiedenen Gegenden der Sprachgeschichte stammen. „Orange“ ist so ein Wort. Es verbindet Obst, Farbe, Fürstentümer, Königshäuser, niederländische Fußballtrikots und am Ende sogar noch den Orang-Utan. Nur: Der Orang-Utan hat mit der Orange gar nichts zu tun.
Beginnen wir mit der Frucht. Was im Deutschen heute meistens Orange heißt, wurde früher und wird regional noch immer "Apfelsine" genannt. Dieses Wort ist erstaunlich klar: Apfelsine bedeutet „Apfel aus China“. Die süße Orange, botanisch Citrus sinensis, kam tatsächlich aus Ostasien nach Europa. Auch die Niederländer sagen zur Frucht nicht einfach „oranje“, sondern „sinaasappel“. Das bedeutet ebenfalls „China-Apfel“. Die deutsche "Apfelsine" und der niederländische "sinaasappel" sind also sprachliche Geschwister: beide beschreiben dieselbe Frucht als Apfel aus China.
Das Wort Orange selbst hat eine andere Reise hinter sich. Es geht letztlich auf Sanskrit "nāraṅga" zurück und wanderte über Persisch und Arabisch in romanische Sprachen. Aus Formen wie "nāranj" und "arancia" wurde im Französischen "orange", und von dort kam das Wort ins Deutsche. Ursprünglich meinte es eher die Bitterorange oder Pomeranze, später wurde es auf die süße Orange übertragen. Erst die Frucht gab dann der Farbe ihren Namen. Vorher sagte man für diese Farbe eher gelbrot, safranfarben oder goldrot.
Nun gibt es aber auch die Stadt Orange in Südfrankreich. Sie hat mit der Frucht ursprünglich nichts zu tun. Ihr Name geht wahrscheinlich auf das antike "Arausio" zurück, eine römisch-keltische Bezeichnung. Aus Arausio wurden im Lauf der Jahrhunderte mittelalterliche Formen wie Aurasio, Aurengia und Orenga, schließlich Orange. Hier entstand das kleine Fürstentum Orange. Es lag zwar in Südfrankreich, war aber politisch eine eigenständige Herrschaft von erheblichem symbolischem Wert.
Dieses Fürstentum kam durch Erbschaft an das Haus Nassau. Der berühmteste Träger des Titels war Wilhelm von Oranien, niederländisch Willem van Oranje. Er wurde im 16. Jahrhundert zur führenden Gestalt des niederländischen Aufstands gegen die spanische Herrschaft und gilt bis heute als Vaterfigur der niederländischen Unabhängigkeit. Daher stammt die niederländische Nationalfarbe Orange: nicht von der Frucht, sondern vom Fürstentum Orange und vom Haus Oranien-Nassau.
Das ist bereits eine hübsche sprachgeschichtliche Verwirrung: Die Niederlande verehren Orange als Nationalfarbe, nennen die Frucht aber weiterhin sinaasappel, also China-Apfel. Die Farbe gehört politisch zum Haus Oranje, die Frucht bleibt sprachlich beim Fernhandel mit China.
Und dann kommt der Orang-Utan. Viele hören „Orang“ und denken an Orange. Manche verbinden das sogar mit Donald Trump, dessen Gesicht in Karikaturen oft als orange dargestellt wird und der deshalb gelegentlich mit einem Orang-Utan verglichen wurde. Sprachlich ist das Unsinn, satirisch funktioniert es nur als Klang- und Bildassoziation.
Orang-Utan kommt aus dem Malaiischen und Indonesischen: orang bedeutet Mensch oder Person, hutan bedeutet Wald. Orang hutan heißt also „Waldmensch“. Der Name beschreibt den Menschenaffen aus Borneo und Sumatra, nicht seine Farbe, nicht eine Frucht und schon gar nicht ein südfranzösisches Fürstentum.
Damit stehen vier ähnlich klingende Wörter nebeneinander, die verschiedene Geschichten erzählen. Orange als Frucht und Farbe kommt aus der langen Sprachreise von nāraṅga. Orange als Stadt kommt aus Arausio. Oranien kommt vom Fürstentum Orange und wurde zum dynastischen Namen. Orang-Utan bedeutet Waldmensch.
Gerade daran zeigt sich, dass sogenanntes unnützes Wissen selten wirklich unnütz ist. Es trainiert den Blick für falsche Zusammenhänge. Nicht alles, was gleich klingt, ist verwandt. Nicht alles, was orange aussieht, gehört zur Orange. Und nicht jeder Orang-Utan hat etwas mit einem Fürsten von Oranien zu tun.